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Freitag, 29. Oktober 2010

Aus I mach’ _i, sonst gendert das nie!

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29.10.2010 · 11:54

Ich habe es verpasst, das Binnen-I ist durch die häufige Anwendung wohl schon länger verstorben oder zu Tode gefiltert. Das Nachfolgezeichen ist das Unterstrich-i, manchmal auch gender gap genannt.
Das konnte eine wohl nur bei Frau Standard im Artikel Raum für _! lesen oder beim Peter Wiki unter gendergap nachschlagen. Peinlich, so ungebildet zu sein.

Das phallische-I (in dem Frau und Mann vereint sind, wie einmal ein Professor während des Sozialpädagogik-Studiums meiner Liebsten sagte) wird durch das Unterstrich-i, Schlaffi-I (ist schließlich nicht mehr stehend, machtlos, meine ich) abgelöst.

Mut zur linguistischen Lücke.
Beispiel: Aus der Mehrzahl GesellschafterInnen wird für die feministisch, linguistisch Denkende nun Gesellschafter_innen. Hmm. Sowas ist ja nachvollziehbar.
Aber wie ist das nun mit der Geschlechtlichkeit des Wortes und der Einfügung des Unterstriches? Es gibt einige Worte, die lassen sich nur merkwürdig (wie vorher auch) zusammen stellen. Frosch → Frosch_in oder Frösch_in? Katze → Katz_in oder Kater_in? Jude → Jud_innen oder Jüd_innen? Nazi → Naz_in oder Nazi_in?

Das Unterstrich-i liest sich ähnlich sperrig, ganz besonders für Vorlesesoftware bei Sehbehinderten.
Zudem ein Zeichen mehr zum Schreiben, solange es in Textverabeitungen und anderen Eingabeelementen keine Feminizer-Programme gibt.

Ich finde die Unterstrichlösung nicht besser. Für mich ist I eher bindend, der _ eher trennend. Rein optisch gesehen sieht es aus, als wenn eine Faust einen Buchstaben zusammengedroschen, Worte auseinander getrieben und die Lücke mit Schutt aufgefüllt hätte.

Bedeutet es insgeheim (oder nur durch mich nicht verstehbar), dass zwischen den Geschlechtern der Graben größer geworden ist?

Wenn mir eine sagt, woher das Ganze mit dem Unterstrich-i kommt und warum gerade dieser jetzt nötig wurde, wäre ich erfreut.

Autor: GwenDragon · Kategorie Feminisma · Permalink · Kommentare (12) · Kommentar schreiben

Kommentare

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#1 Angelika schrieb am 1.10.2010 21:01 folgendes:

öhm. das mit diesem Unterstrich_gap habe ich auch jetzt immer öfter gesehen/gelesen. ehrlich gesagt, ich finde es gruselig und mags nullo.

überhaupt dieses "deutsche als männliche sprache" ist ja nach wie vor "duller mainstream" - Luise F. Pusch's buch wurde ja vor ca. 20 jahren veröffentlicht - und was hat sich seitdem in dld. getan - thema "gleichberechtigung i.d. sprache" frage ich mich jetzt zu beginn des 21. jhds. ? was ich so alltäglich um mich herum erlebe = nullo.

und ich bin die ausnahme = angreifbare und "aussätzige", wenn ich mal nen I einfüge und so rede. auch grusel = troest, du bist nicht alleine ;-)

#2 E*phi schrieb am 2.10.2010 15:08 folgendes:

Soweit ich weiß, soll der "_" ein Platz sein für alle die sich nicht den Polen "weiblich" oder "männlich" zuordnen. Sozusagen ein "Raum dazwischen". Ich finde den Gedanken an sich schon gut, aber von der Lesbarkeit her gefällt mir das Binnen-I auch besser. Der Unterstrich hackt das Wort so auseinander (wie du ja auch schon geschrieben hast) und rückt dadurch (für mein "Hören") die männliche Form erst Recht ins Licht, mit kleinem unbedeutenden Anhang dahinter. Schwierig.

#3 Mira schrieb am 2.10.2010 15:10 folgendes:

Hinweis, woher das Unterstrich i kommt: Ich habe mal gehört, dass einige Feministinnen sich über die Zweigeschlechtlichkeit aufregen, da es eben Menschen gibt, die sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen möchten. Und um diese Menschen aus der sprachlichen Nennung nicht auszuschließen soll auf dem Unterstrich Platz für alle sein, die zwischen den Geschlechtern sind.

#4 GwenDragon schrieb am 2.10.2010 16:09 folgendes:

@Mira >da es eben Menschen gibt, die sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen möchten. Und um diese Menschen aus der sprachlichen Nennung nicht auszuschließen soll auf dem Unterstrich Platz für alle sein, die zwischen den Geschlechtern sind.

Da wird dann ein * verwendet, dachte ich..

#5 Nele Tabler schrieb am 2.10.2010 16:21 folgendes:

Wenn ich mich richtig erinnere, war es die TAZ gewesen, die mit dem BinnenI konsequent begonnen hatte. Ich fand es damals und finde es heute noch optisch unmöglich. Auf der anderen Seite war ich glücklich, dass diese Weise endlich die Frauen mal erwähnt wurden, weshalb ich es auch weitgehend übernommen habe. Vor einiger Zeit bin ich dann von einer Linguistin darauf aufmerksam gemacht worden, dass das BinnenI out sei und der Unterstrich in. Ich habe das nicht hinterfragt, sondern mich umgestellt. Es sieht anders aus, allerdings nicht besser. An die Vorlesesoftware habe ich bisher noch gar nicht gedacht, das ist tatsächlich ein Problem. Allerdings will ich auch nicht mehr in Zeiten zurück, wo wieder nur die „Liebe Bürger“ begrüßt werden und die Existenz der Bürgerinnen kein Thema ist. Sprich: Ich habe auch keine bessere Lösung. Allerdings verwende ich den Unterstrich bzw. vorher das BinnenI nur in Briefen, im Blog, in Artikeln etc. In meinen Büchern kommt das nicht vor, da versuche ich, so gut wie möglich zwischen Mördern und Mörderinnen abzuwechseln oder beide Ausdrücke zu verwenden :-)

#6 GwenDragon schrieb am 2.10.2010 16:25 folgendes:

Ich habe mal mit einer Vorlesesoftware mir solche Unterstrich-I besetzten Postings vorlesen lassen. Sinnentfremdend hört sich das an für Sehbehinderte. Somit ist das kaum inklusiv und barrierearm schon gar nicht.

#7 Christian schrieb am 2.10.2010 17:25 folgendes:

Letztendlich bleibt nur die Einführung von neutraeln Artikeln und Endungen. Alles andere führt zu nicht sprechbaren Kunstformen

#8 GwenDragon schrieb am 2.10.2010 19:00 folgendes:

Es wird sich nur was ändern, wenn sprachliche Gegebenheiten als nachteilig erkannt und erfahren werden. Bislang wird das gendern doch nur als eine Spinnerei von Feministinnen engeshen oder als Randgebiet eines Studiums gender studies.

Oder ist das mittlerweile an den Unis anders? Bin ja schon länger weg. ;)

#9 E*phi schrieb am 3.10.2010 10:33 folgendes:

Ich studiere an einer TU in Österreich und bei uns wird "offiziell" gegendert (also, in Formularen, Website, etc.), meist mit ".../in" oder auch Binnen-I. Wo dann oft so wohlklingende Dinge rauskommen wie "Beamter/in". :) Allerdings wird das unterschiedlich aufgenommen. Es gibt leider noch immer genug Professoren, die Gendern und solcherlei als "Emanzenblödsinn" betrachten. Aber die gilt es mit konsequentem Trotzdem-Gendern in der LV langsam an moderne Zeiten heranzuführen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass in den Geisteswissenschaften etc. sowas noch besser angenommen wird, bzw bereits zum guten Ton gehört.

#10 Debe schrieb am 3.10.2010 12:27 folgendes:

Danke für die Erklärung - ich habe das vor ein paar Wochen zum ersten Mal bewußt wahrgenommen und dachte, es handelt sich um eine Betonung der Endsilbe - in manchen Internetforen ist es üblich, Worte als besonders hervorgehoben so zu schreiben, und ich dachte, damit sei explizit nur und ausschließlich die weibliche Gruppe gemeint. Na toll, genau falsch verstanden.

Ich mag das Binnen-I zwar nicht besonders (eine rein optische, nicht politische oder inhaltliche Sache), sehe aber ein, dass es ein Versuch ist, ganz umständliche Formulierungen griffiger zu schreiben. In der Sprache geht das natürlich verloren, aber die taz wird nun einmal hauptsächlich schriftlich vertrieben :-)

Prinzipiell sinnvoll ist das meiner Meinung nach nur, wenn es konsequent umgesetzt wird. Ich wünsche mir, dass in Zukunft auch schriftlich gegen LadendiebInnen, BankräuberInnen und VerbrecherInnen gewettert wird - die Formen habe ich zum Beispiel noch nie bewusst gesehen. Oder wäre es dann schon wieder politisch inkorrekt, diese Gruppen als -enthalten-auch-weibliche-Elemente- darzustellen?

#11 Soylent Glitter schrieb am 3.10.2010 13:51 folgendes:

Wie hier in den Kommentaren schon mehrfach erwähnt hast du in deinem Text zum gender_gap ja seinen eigentlichen Sinn unter den Tisch fallen lassen oder selbst übersehen. Den Text könnte man gerade beispielhaft dafür nutzen um zu zeigen, warum es das gender_gap braucht: Damit eben niemand nur Frauen und Männer erwähnt, alle anderen aber außen vor lässt. Die selbst scheint es ja nur darum zu gehen, die Frauen auch sichtbar zu machen. Gut, das vermag das Binnen-I. Nun gibt es aber wesentlich mehr Geschlechter gibt als nur diese zwei (und wenn man alle Menschen näher zu dem Thema befragen würde wahrscheinlich 'ne gaussche Normalverteilung bei raus käme, bei der ja bekanntermaßen 1 und 0 aka Frau und Mann nicht die höchsten Punkte sind) und viele Menschen die sich auch nicht dazwischen verstehen, sondern außerhalb des Geschlechterspektrums. (Okay, die sind im der gausschen Kurve dann doch nicht drin.) Und mit jedem _ wird darauf hingewiesen, das eigene, binärgeschlechtliche Weltbild zu überprüfen und erweitern.

Das Binnen-I unterstützt die Geschlechterbinärität noch: "Hey, wenn ich das -I schreibe habe ich doch alle verfügbaren Menschen mitgenannt, warum seid ihr FeministInnen und Transgender immer noch nicht zufrieden?" Hin und wieder wird dem gap vorgeworfen, es würde fast genauso handeln, weil es eben nur einen Platz zwischen den Polen M und W aufzeigen würde. Stattdessen solle mensch den Stern benutzen (Arbeiter*innen oder Produzent_innen*), weil er nicht linear ist, sondern in ganz viele Richtungen bzw. Geschlechtervariationen zeigt. Ich sehe das etwas anders. Das gap ist für mich ein Platz, ein Freiraum, der nicht zwischen W und M steht, sondern Raum schafft für alle, die nicht in die beiden anderen Kategorien wollen/können. Zudem finde ich Texte so wesentlich einfacher zu lesen, als wenn ständig *(da suche ich automatisch immer nach der passenden Fußnote) oder I(nervt mich jedesmal, weil ich wieder absichtlich ausgegrenzt wurde - wer ans I denkt kann auch gerade noch den _ machen) drin vorkommen.

Was deine Beispiele angeht: Wie sollte das denn beim Binnen-I besser laufen? Da muss mensch sich ja auch zwischen JudInnen und JüdInnen unterscheiden. Oder beide aufzählen, stringent kann frau da nicht bleiben. Nazis wiederum sind ein komisches Beispiel. Wie würdest du das denn machen? (Aus Binnen-I Sicht) Nazi ist doch die Abkürzung für Nationalsozialist_innen jedweden Geschlechts. Was die Jüd_innen angeht: Da mache ich wie viele andere Nutzer_innen auch, die weibliche Form plus Unterstrich. Ich mache es schon deswegen, weil die "weibliche" Form enormen Nachholbedarf hat in Sachen Sichtbarkeit.

Wer das gap benutzt - oder genauer gesagt wer geschlechtergerecht(er) formulieren möchte, muss offen für neues sein. Sie_er muss es wagen sich Gedanken über die eigene Sprache zu machen und hin und wieder kreativ werden. Oft kann mensch auf verschiedenste Formulierungen ausweichen und so vielleicht auch mal ganz frisch formulieren, aus oft geschriebenen Plattitüden ausbrechen. Auch bei der Aussprache des gaps bedarf es eigener Überlegungen. Man kann beispielsweise eine kurze Pause lassen - bei einer Begrüssung sicherlich machbar, bei längeren Vorträgen halte ichs noch nicht durch. Da versuche ich meistens ausschließlich die weibliche Form zu sprechen - einerseits weil sie oft der gap_Form entspricht, andererseits weil frau damit heutzutage noch genug Aufmerksamkeit und Nachdenklichkeit generieren kann.

Zum Thema Vorlesesoftware: Das ist mir auch erst vor ein paar Tagen bewusst geworden. An dieser Stelle würde ich die Programmierer_innen bitten, die Software nachzurüsten. Wer benutzt denn auch heutzutage noch den Unterstrich als Unterstreichung? Das ist doch ein Relikt aus Schreibmaschinenzeiten, als man noch nichts mit zwei Klicks oder HTMLbefehlen Worte wirklich unterstreichen oder fett darstellen konnte.

So, ich hoffe dir vielleicht ein bisschen weitergeholfen zu haben. Liebe Grüße ~glitter

#12 GwenDragon schrieb am 3.10.2010 16:26 folgendes:

Die Worte der ...er-Form mit nachfolgendem _innen ist für mich gruselig. Das ist wie eine Gehilfe oder ein Rolli, kein sexy Konstrukt also.

Ich lehne schlichtweg die weibliche Form eines Begriffs als Erweiterung der männlichen durch ein in ab.

Neubegriffe gehen doch wie eine sehen kann. Häckse statt Hackerin, Lesbe statt Lesbierin, Frau statt Männin. Warum kreieren wir keine eigenen Worte? Oder falle ich mit eigenen Begriffen da auf ein self labelling rein, das nur zur Benachteiligung wird?

Oder sollten wir einfach das * (Begriff für alles) nehmen? Statt Feminist_in Feminist* und nur den weiblichen bzw. männlichen Begriff, wenn explizit diese separat benannt werden sollen?

Die sonst angewandte Lösung mit /in ist für mich rein optisch gruselig. Beamter/in erzeugt doch sowieso im Kopf beim Lesen das Kastrieren des er und anfügen des in. Das ist mir vom Gefühl her ein Zerhacken und stört mir jedenfalls den Lesefluss.

Ich bin nun, weiß Isis oder sonsteine Wesenheit, keine akademische Linguistikerin, nur sprachinteressiert und Wortspielende.

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