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Sonntag, 16. September 2007

FORT und M(O)RT. Geschlecht als intraspektive Sekte – eine Retrospektive

16.09.2007 · 21:09
Es ist ja schon lange her (über 10 Jahre) als ich, dumm wie ich war, meinte aus frauenbezogenen Gründen in eine FORT-Gruppe zu gehen (böser Fehler!). FORT? Wie bitte? Nein, das ist kein Autoclub für Frauen. Es handelt sich um eine Gruppe, in der Frauen immer noch üben, radikal und therapiert zu sein.

F.O.R.T hieß übersetzt: „Frauen üben Radikale Therapie“ – kommt aus dem Niederländischen. Seltsam, jetzt nennen sie es organisieren. Also darunter kann sich frau natürlich trotzdem nichts vorstellen. Was Therapie ist, weiß wohl jede. Aber wieso üben oder organisieren und wieso Radikal? Ich weiß es nicht.

FORT ist eine Art regelmäßige Selbsterfahrung mit psychologisch-feministischem Anspruch. Das Konzept von FORT ist, dass Frauen innerhalb einer reinen Frauengruppe in einem geschützten Rahmen sich in ihrem Sein erfahren und unterstützen. FORT soll Frauen befähigen, die Auseinandersetzung mit persönlichen Problemen zu ermöglichen, die Wahrnehmung und Bearbeitung von eigenen (inneren) Vorgängen und Beziehungen innerhalb der Gruppe zu schulen. Das Ganze soll von Wohlwollen, Respekt und Mitgefühl, von Gewaltlosigkeit begleitet sein. Selbstverantwortung, Selbstachtung sind da als weitere Beispiele zu nennen. Damit Frauen sich nicht gegenseitig an die Gurgel springen, sich böse anschreien, sich schlagen, was ja auch in Gruppen bei Problemen miteinander vorkommt, gibt es Regeln wie miteinander umgegangen werden soll. Im so genannten „FORT-Skript“, einem Dokument, das Gruppenfremde nicht bekannt gemacht werden darf, sind diese Regeln festgelegt.
Es gibt „Gutes und Neues“-Runden, in denen frau über letzthin erlebtes Schöne reden und berichten kann. „Redezeiten“, in denen Frauen mit Hilfe einer anderen (eine „Unterstützerin“) über ihre Probleme reden kann; „Runden“, in denen frau erzählt, wie es ihr geht; „Grolle“, in denen Frauen sich ritualisiert die Meinung sagen dürfen. In „Gespinsten“ können Frauen ihren diffusen Vermutungen über ihr Gegenüber oder die Gruppe nachgehen. Im „Prozess“ machen Frauen Entwicklungen durch, die zu einer Erkenntnis über eigene Probleme oder Lebenssituationen führen. Bei unlösbaren Problemen in der Gruppe kann eine Supervision durch erfahrene „Anleiterinnen“ aus dem „Kollektiv“ durchgeführt werden. Und … und … und. FORT dauert mindestens ein Jahr, für den Zeitraum sich die Frauen zur Teilnahme verpflichten. Vorbereitende „Anleitungswochenenden“ (Wochenendtreffen) mit den „Anleiterinnen“ sollen Frauen in die Denk- und Verhaltensweise bei FORT einführen.

Wie gesagt, ist FORT eine ritualisierte Selbsterfahrungsgruppe mit dem Anspruch, dass jede Frau in der Gruppe ein Recht auf ihr Da-Sein und ihre Fort-Entwicklung in der Gruppe hat.
Ganz reell sieht das anders aus. Frauen nutzen oft die Regeln aus, interpretieren sie um, um gegen eine andere zu opponieren, sie aus der Gruppe zu kicken. Regelbrüche sind zwar theoretisch verboten, aber führen zu keinen Restriktionen oder zur Übernahme von Verantwortung der Regelbrecherin. Psychotricks und psychische Gewalt werden angewandt, um unbeliebte Frauen zu ächten. Oder behinderte oder lesbische Frauen werden von den normallebenden Frauen wiederum mittels dieser Regeln auf unnachahmlich weibliche Art der Umdeutung in eine Hierarchie gedrängt. Woanders würde das Mobbing oder psychische Gewalt genannt, bei FORT heißt das der „Prozess“. Das Ganze wird dann noch mit genügend Psychologie wie der Transaktionsanalyse aus der Humanistischen Psychologie gewürzt und mit einer gehörigen Portion Frauenbewegungstheorie abgerundet und Versatzstücke aus diesen Ideologiebewegungen verwendet, um gruppendynamisch das Fehlverhalten der Angreifenden gutzureden und die Angegriffene bloß zu stellen.

Zu einem wirklichen Miteinander, wie könnte es anders sein, führt das allerdings nicht, denn FORT ist ein „Abbild der Gesellschaft“. Was bedeutet, das oft Frauen genauso frauenfeindlich in der Gruppe miteinander umgehen wie außerhalb der Gruppe.
Ungeschriebene, aber gelebte Ideale bei FORT sind zum Beispiel: heterosexuell, schön, Mutterschaft, mit Arbeitsstelle oder finanziell (durch den Mann) abgesichert, nichtbehindert. Sollte frau einem diese Klischees nicht entsprechen könne oder wollen, dann »Gute Nacht«. Ärger wird erfahrungsgemäß vorprogrammiert sein, der meist zum Gruppenrauswurf oder dem Weggang der angefeindeten Frau führt.

Übrigens, für Männer gibt es das auch – ohne Frauen. Allerdings heißt das MRT, also nicht MORT. Entweder müssen Männer nicht (mehr) üben oder die Assoziation zum Mord war einfach den Herren zu groß.

Es gibt auch jährliche „RT-Treffen“, in denen FORT und MRT zusammenkommen, um sich gemeinsam körperlich und intellektuell fortzuentwickeln, sich auszutauschen und Erfahrungen miteinander zu machen. Manchmal ähnelt wohl das auch einer Partnertauschbörse mit Therapie. Nett, ganz interessant, nur nicht für jede geeignet.

Alles in Allem hat FORT eine Struktur und Handlungsweise, wie eine sie auch in Sekten oder anderen Psychogruppen vorfindet. Und vielleicht hat sich etwas geändert – obwohl, so flexibel waren die Damen damals nicht. Frauen und deren Konzepte ändern sich eher unwillig; alles eine Lebens- und Lesbenerfahrung.
Ja, so war das Leben bei und mit FORT. Eine schlechte Erfahrung.

Wie gesagt: FORT ist Mord oder nur eine abschreckende Maßnahme. Jedenfalls nicht gut für die Seele und den Geist. Für eine wirklich frauenliebende Frau ist das nix.

Autor: GwenDragon · Kategorie Feminisma · Permalink · Kommentare (2) · Kommentar schreiben

Kommentare

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#1 thomas ziegler schrieb am 12.11.2008 21:53 folgendes:

hallo lilo!

beim heutigen "zufälligen" "gurgeln" nach "fortskript" fand ich ausser meinem... - deinen! link !!

-wenn du magst:

hier mal (m)ein momentan-spontaner kommentar (dh von heute, dh abend 21.30 uhr, 12.11.08):

...habs gelesen...

-was soll ich schreiben...

-hmm... ja, kann ich (auch als mann) gut nachfühlen...

...

mal als rückmeldung an dich:

das lesen löste in mir ein (starkes) gefühl der wiedererkennung aus!

  • besonders die stichworte: "...sekte, psycho-umdeutung/mobbing/rauswurf..." klingen bei mir nach... ja, -das hat bei MIR mit MEINER geschichte zu tun...!

pers. anmerkung: es klingt für mich nach verletzter seele... traumatisierender erfahrung... ja und aus meiner erfahrung: es kann soo dinger geben dass da pseudo-verquastes läuft (auch) in rt-gruppen ... da den eigenen standpunkt zu finden/ zu halten / bzw mindestens die anderen wissen zu lassen wies dir geht mag in der situation, grad wenn wir uns ungeliebt fühlen (scheinbar) über unsere kraft gehen...

-find ich insgesamt schade...: ich kann nur sagen:

durchhalten, NICHT weglaufen, DEIN problem thematisieren...!!

-eine wesentliche anforderung an eine gute leitung des abends ist -UND DIE DARF MENSCH ERWARTEN / EINFORDERN!!!!!-, dass sie ihre aufgabe ernstnimmt KLAR ZU SEIN UND ZU BLEIBEN bzw wenns sie es DOCH NICHT IMMER SEIN sollte sich sofort eine "mini" zu nehmen oder zu erklären dass sie nicht klar ist u andere KLARE in die leitung zu holen und dadurch imstande zu sein IMMER auf die einhaltung der rt-regeln achten zu können...!!! -wenn das aber öfter nicht klappt... bringt dein weggehen unter dem strich zwar eine (schein)lösung weil das (scheinbar) störende element weg ist, aber die anderen haben dann keinen spiegel mehr... -also NICHT flucht sondern offene auseinandersetzung ist mein impuls in der situation -auch wenns hart ist -schreibt sich (VIEL?!) leichter als es ist...?!?

idee: mensch MUSS sich in der gruppe nicht lieben, -die gegenseitige achtung und der "wohlwollende umgang" den gilt es einzufordern (-diese punkte stehen bei uns (MRT-würzburg) an der wand zum immer wieder dran erinnern...)

konkreter impuls wäre in so nem fall: mind. zwei unbeteiligte KLARE (rt-ler) zur supervision einladen - ansonsten kanns inzucht und schmoren im eigenen saft sein/ bleiben...

insgesamt:

schade dass rt für dich anscheinend (nur/überwiegend) neg. erfahrungen brachte...

und:

ich danke dir für deinen blog den ich als kristallisationskeim für veränderung und verbesserung auffasse!

-wenn du magst: fühl dich lieb-gedrückt..., thomas

ps. beim klick auf meinen namen oben kann mensch u.a. ALLE rt-skripte einsehen...!

(für suchmaschinen: fortscript, fort-skript, fort-script, fort - skript, fort - script...)

#2 GwenDragon schrieb am 13.11.2008 10:20 folgendes:

Hallo Thomas,

Danke für deine Sichtweise.

RT-Kleve war anders, positiver. Da hatte ich die Erfahrung gemacht, dass andere Frauen und Männer sehr wohl respektvoll miteinander umgehen können.

Es lag wohl daran, dass meine FORT-Gruppe nicht in der Lage dazu war, Respekt und wohlwollenden Umgang wirklich tragfähig zu leben. Zwischen Wollen und Machen ist leider bei vielen Frauen eine riesige Kluft, anders als bei Männern, denke ich.

Manche Gruppen haben das Bedürfnis, sich Sündenböcke zu suchen, alles möglich auf sie zu projezieren - und wenn eine nicht als Projektionsfläche dienen will und sich dagegen abgrenzt, Unterstützung sucht, eingreift, dann kracht es. Und dieses Krachen wollte niemand hören. Schon die Anleiterinnen waren nicht in der Lage, brodelde Konflikte zu erkennen und bei persönlichen Angriffen unterstützend einzugreifen. So ist das eben, wenn folgende Maxime gilt: "Jede ist für sich selbst verantwortlich", "das ist der Prozess", "Du bist in der Opferrolle" und vieles mehr.

Zudem wurde bei den Anleiterinnen und Gruppenfrauen intern die Schweigepflicht nicht eingehalten, mit anderen RT-lern wurde Persönliches aus den Gruppensitzungen weiter getratscht - Tatsache.

Eine Supervision hätte nichts genutzt, denn das mir bekannte damalige Kollektiv war einfach zu intolerant, vorurteilsbehaftet, heterosexistisch und frauenfeindlich. Wobei so manches bei Einigen nur dumme persönliche Abscheu war. Das traf sowohl auf Anleiterinnen und manche Frauen der Gruppe zu. Sexismus und Xenophobie pur eben.

So war es halt. RT kann schön sein. Und das ist wohl eher eine persönliche Ansichtsache.

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