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Sonntag, 28. Oktober 2007

PorYes oder PorNo. Das ist hier die Frage, nicht die Antwort.

28.10.2007 · 16:13
PorWas? Die wieder anlaufende Kampagne »PorNO!« der Emma gegen Pornografie, fast in schönster Regelmäßigkeit alle 10 Jahre. Interessant, dass sowas Uraltes noch läuft und man und frau interessiert.

Was ist nun Porno und was denkt eine so darüber?
Unter Pornografie versteht Emma die Verknüpfung von sexueller Lust mit Macht und Erniedrigung, in bild- und schriftlicher Darstellung.
Was Emma wohl noch meint, ist die Sexualisierung des (Werbe-)Alltags, in dem alles mit nacktem Fleisch verkauft wird. ‘Sex sells’ – nervig bis widerwärtig.
Und natürlich ist auch die (Zwangs-)Prostitution und Kinderpornografie und … und … gemeint. Es lassen sich unterschwellig noch die griffigen Schlagworte Sexismus, sexuelle Gewalt, sexuelle Unterdrückung, Häusliche Gewalt u. ä. unterbringen. In jedem Fall ist der anständige Bürger gegen sowas!

Die PorNo-Kampagne zielt mit einfach gestalteten Inhalten und Werbeträgern wie Aufklebern auf … ja auf wen überhaupt? Oder gegen wen?

Auf die Leserin, die sich durch sexualisierte Inhalte des Alltags genervt und beeinträchtigt fühlt. Die wirklich von solcher Gewalt Betroffene kommt erst gar nicht dazu, sich zu informieren oder zu agieren. Dazu fehlt ihr zu oft Kraft und Unterstützung von Außen.
Die Leserin soll sich informieren und protestieren, zuerst innerlich und dann nach Außen. Es soll Aufmerksamkeit und Sensibilität für das Thema erzeugt werden. Und es soll natürlich auch die Kinder und die Jugend vor dem schädlichen (Vor)bildern geschützt werden.

Gegen wen es geht?
Gegen den Verfall der Moral, den gesellschaftlichen Zerfall. Und gegen den bösen Pädophilen, den Kinderschänder. Oder den Lustmolch, der geifernd die Unterwäsche der Nachbarin stiehlt. Die Porno-Mafia, die Millionen verdient, ist auch mit im Boot des Bösen. Und der Grundschullehrer, der zuhause auf seinem PC die kleinen Mädchen anstiert. Und den jungen Mann, der im Dunklen auf die Frau lauert, die wie aus den Filmen aussieht, und die er nicht abbekommt. Und die Hausmutter, die beim Baden so manchen Kindern … Zuschauen oder filmen kann man immer mal, oder nicht?
All das hat mit Porno oder Sex oder Gewalt zu tun – oder wieder auch nicht so sehr. In jedem Fall ist der Feind ausgemacht.

Wie das vonstatten gehen soll, Porno zu bekämpfen?
Selbstverständlich fehlt auf der Website Emma nicht der plakative Hinweis: »Was tun!« Wie frau/man gegen Porno angehen kann; kurz: Hinschauen; Sticker kaufen; Kommunen dazu bewegen, dass solche Werbung verboten wird; Politiker mobilisieren; Porno-Werbung und Gewalt anzeigen; sich beschweren bei Verantwortlichen der Medien; Aktionen veranstalten. Und Vieles mehr.
Nichts Neues. Und leider zu oft stumpfe Werkzeuge, das zeigt die Erfahrung.

Stumpfe Werkzeuge?
Weil die heutige Kultur abgestumpft ist, seelisch kastriert oder entleert, im Miteinander und Mitgefühl gegenüber anderen und unter dem Zwang richtig zu Handeln zu müssen, um Erfolg zu haben. Und damit wird niemand oder nur ganz wenige gegen solche erhebliche Beeinträchtigungen und Gewalt erzeugenden Strukturen vorgehen. Die Normalität der täglichen Gewalt hat sich doch zu tief eingebrannt in die Gesellschaft.
Gesellschaftliche Moral und die einzelner, die ist bestimmend. Gerichte und selbst einzelne Menschen nehmen alles, was mit Sex und Gewalt zu tun hat, nicht ernst oder verdrängen es, denn das ist Privat. Ins eigene Schlafzimmer darf der Staat oder Sonstwer nicht hinein schauen, nur bei den anderen. Und Sex ist etwas moralisch verwerfliches; wer weiß, was da abfärbt. Und selbst schuld, wenn … Diese Gedanken treiben doch viele um.

Porno? Gab’s doch immer schon!?
Ja, die Beschäftigung mit Sex und nackten Köpern gab es immer schon. Die Griechen des Altertums verherrlichten Nacktheit in Theorie (Philosophie, Kunst) und Praxis, was bis heute Einfluss auf die Darstellung und Denkweisen im Umgang mit Körperlichkeit hat. Die darauf folgenden monotheistischen Religionen haben natürlich Sex und Körper und die Darstellung selbiger verteufelt. Sex und Körper musste als Sündiges kontrolliert werden. Und Kirche, Religion und Staat waren und sind bis heute fast überall miteinander verbunden oder vermengt. Somit hat die Moralvorstellung (als Wertmaßstab) des Christentums erheblich den Umgang mit Sexualität, Körper und der Darstellung und Denkweise über selbige geprägt.
Und was ganz vergessen wird: Wer als Staat oder Institution Sexualität und Körper kontrollieren konnte, hatte auch eben Macht. Macht über die Geburtenrate, über die wehrfähigen Männer, über die Bravheit der Frau, über Familie, über Clans, Gruppen, über die Keimzelle der Gesellschaft – es ließe sich weiter denken …
Pornografie war und ist schon immer verboten gewesen, solange es Gesetze zur Erhaltung der gesellschaftlichen Moral gab. Was sich geändert hat, ist die Verbreitung derselbigen. Und die Moral, die gesellschaftliche Vorstellung von Gut und Böse, von Schön und Igitt, hat sich auch sehr verändert.

Inwiefern?
Die Darstellung von Nacktheit fand in früherer Zeit meist nur auf Statuen, Friesen, Ölgemälden oder Skizzen statt und wurde dann Kunst genannt oder war es auch. Bilder von „Nackedeis“ und Darstellungen des sexuellen Aktes (also im heutigen Sinne Porno) wurden unter der Hand getauscht oder verkauft. Alles zur Be-Lust-igung und Erregung. Später mit Auftauchen des Buchdrucks und des Kupferstichs verbreitete sich die Darstellung des Körpers, egal in welcher Art. Die Aufklärung verwissenschaftlichte den nackten Körper bis heute (obwohl sich auch die Wissenschaft von Voyeurismus nicht freimachen kann). Erst die Fotografie und Kinematografie (Film, Kino) machte auch die massenhafte Verbreitung der Bilder nackter Menschen möglich. Heutzutage – modern sind jetzt Fotohandy, DVD-Player und Video im Internet die Multiplikatoren. Und natürlich die Tauschbörsen im Internet und auf Schulhöfen.

Und in den Medien (Werbung, Zeitschriften, Fernsehen) für jeden zugänglich und sichtbar kann Nacktheit und Sex als das Natürlichste dargestellt un konsumiert, genossen werden. Und das in einer Intensität, die schon oft an optischen Terror grenzt.
Kein Duschgel, was nicht mit oder durch eine nackten Frau verkauft wird; kein Boulevardblatt oder Magazin, das nicht eine – wie würden sich die Leser desselben ausdrücken: blonde Mieze –, eine sich bauchfrei (und möglichst hirnfrei?) räkelnde Frau ziert; reizwäscheertragende Frauen prangen doppeltlebensgroßlang merkwürdig (wie betäubt; andere würden lasziv sagen) den Betrachter anblickend an Litfasssäulen, springen Vorübergehende und Autofahrer quadratmetergroß von Plakaten an. Von den nervtötenden nackten Ruf-mich-an-Dummchen nach ½2 Uhr morgens (ja selbst da schauen auch Frauen fernsehen, nicht nur Männer!) im Privatfernsehen einmal ganz abgesehen. Und eine sollte nicht vergessen, dass auch Kinder und Jugendliche heutzutage um diese Zeit nicht immer schlafen, sondern fernsehschauen und das ganz interessant finden.

Ist das nun die »Neue Prüderie«, nichts Nacktes mehr zu wollen?
Nein. Aber diese Präsenz nervt erheblich. Ich will nicht hinschauen müssen. Muss ich aber, denn Werbung lässt sich nicht ausblenden, wenn sie überall vorkommt. Und welche will schon mit geschlossenen Augen durch die Welt.

Was ist das nun? Nur ein ästehtisches Problem?
Nein. Eines der optischen Überfütterung verknüpft mit dem Reiz und dem Signal, dass Frau so sein muss (sein sollte) und dass Sex und damit Frau auch jederzeit für viele verfügbar ist. Und solche Reize wirken, ganz besonders auf Kinder und Jugendliche. Das Frauenbild oder besser das Bild des Frauenkörpers wird dadurch vorgeprägt.
Und eine massenhafte Darstellung, sozusagen emanzipatorisch, von Männern mehr oder weniger nackt, möchte ich auch nicht haben.
Es zeigt sich, dass Werbung und auch illegal getauschte Sexfilme oder -bilder das Sexualverhalten und das Denken von Jugendlichen beeinflussen können und dies auch tun. Da ist mancherorts die Teilnahme am Gang-Bang, der mehr oder wenig freiwillige Sex einer oder mehrer Mädchen mit Jungen einer Gruppe, als wichtig angesehen. Bilder nackter Frauen, wohl gemerkt an wichtigen Stellen nackt, sind schon bei 10-Jährigen auf dem Handy ein Hit. Das Playboyheft des großen Bruders ist da heute nur ein müdes Lächeln wert und verschafft kein Ansehen in der Clique.

Und wieso sollte das nun schädlich sein?
Kinder und Jugendliche sind für Verhaltens- und Denkweisen prägbar, heute durch die Massenmedien viel eher wie früher. Das trifft auch auf ihr Verhältnis zu Sexualität und dem damit verbundenen Frauen- und Männerbild zusammen. Wenn dann aus irgendeinem Grund noch Gewaltphantasien und Sexualität mit Identität vernüpft werden, dann ist es eher nachvollziehbar, dass mehrere Elfjährige eine Sechsjährige vergewaltigen, weil Männer Sex haben, oder dass 14-jährige Mächen unbedingt an Gang-Bangs teilnehmen wollen, damit sie als Frau was wert sind. Dass da keine Gefühle im Spiel sind, sieht wohl jede ein, denn nackte, kalte (Vor-)Bilder können keine Gefühle erzeugen, nur Leere in der Seele.
Ob Erwachsene mit solchen Bildern von Sexualtität und Körper noch beeinflussbar sind? Eher wohl nein, denn bei denen ist diese Entwicklung und Prägung oft abgeschlossen. Da sind es Stimulanzien, nicht unbedingt Suchtmittel, diese Nackheitsbilder, sowohl für den Körper, der sich angeregt fühlt, als auch für die Psyche, die Identität, in der sich die meist männlichen Konsumenten als richtig und echt beweisen müssen.

Inwieweit beeinflusst ein rigides Gesellschaftssystem das Verhältnis zu Sexualität, Gewalt und sexualisierten Bildern?
Da ein bestimmtes sexuelles Verhalten von der Gesellschaft gewünscht wird und auch die Identität als Frau oder Mann von der sexuellen Eigen- und Fremddarstellung abhängt, ist natürlich auch die „Erziehung“ in der Plicht, einem schädlichen Verhalten entgegen zu steuern. Schädlich ist dabei, wenn jemand durch dieses Verhalten geschädigt wird.
Geschlechtsrollenstereotypes Verhalten, was „ein richtiger Mann“ ist oder wann eine Frau „wirklich weiblich“ ist, führt nicht nur bei Kindern und Juegendlichen zu einer völlig verdrehten Wahrnemung. Selbst Erwachsene sind da verunsichert oder in der Selbstdarstellung erheblich unter Druck, was zu psychischen und seelischen Problemen führen kann.

Eine binärgeschlechtliche Gesellschaft, also Frau und Mann – und davon keine Abweichung, im Sinne von Geschlechtsrolle, die zwanghaft Menschen in jedem Alter vorschreibt, wer sie sein sollen, sich darzustellen haben, erzeugt durch diesen Druck ja erst Menschen, die mit sich und der sexuellen Wahrnehmung anderer nicht klar kommen oder ein völlig falsches Bild lernen. Gesellschaftlicher Druck, der auf Menschen als sexuelle, sich richtig darstellenmüssende Wesen ausgeübt wird, führt oft genug zu einem Verhalten, das sich ein Ventil sucht.
Und dass kann Pornografie und Gewalt sein und ist es oft auch.

Nicht, dass ich über alles Bescheid wüsste, ganz besonders was Menschen umtreibt und treiben.
Wie gesagt: Ich bin gegen Porno, als Darstellung von Gewalt im Zusammenhang mit Sex, egal gegen wen und mit wem es ist. Ich mag’s nicht.
Aber wie eine lesen kann, ganz so einfach ist es eben nicht, die richtige Sicht.

Ach ja, PorNo ←→ PorYes – typisch denglisches Wortspiel. Schlimm genug, dass daraus möglicherweise noch ein PorNoW werden könnte.

Autor: GwenDragon · Kategorie Feminisma · Permalink · Kommentare (0) · Kommentar schreiben

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