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Samstag, 20. Oktober 2007

Von Wildnisschulen und feministisch-schamanischen Weltbildern

20.10.2007 · 14:40
Endlich wissen es auch die zahmsten Frauen: Frau wird vom Patriarchat ihrem Selbst, der Natur, der Wildnis entfremdet. Dem muss entgegen gewirkt werden!
Kein Problem. Dafür gibt es seit längerem Abhilfe: die „Wildnisschule“ – natürlich nur für Frauen. Dort wird den Entwurzelten die Begegnung mit dem Wilden, der Wildnis nahe gebracht. Frauen sollen lernen, mehr Kontakt zur Wildnis und zu sich selbst zu finden. Eine Art „weiblicher Schamanismus“ soll das Weltbild, das Betrachten und Erfahren der Wildnis, den Kontakt verändern. Und es soll „schamanisches Arbeiten“, so wie es angeblich schon vor Jahrhunderten, Jahrtausenden die Frauen in Europa taten, wieder erwecken. Im Grunde genommen ein Zurück-zu-den-Wurzeln; nur zu welchen? Den modernen natürlich, auf die seelischen und intellektuellen Bedürfnisse der heutigen Frauen angepasst.

Es werden also prähistorische Versatzstücke des Feminismus und der Archäologie, ausgegraben und re-interpretiert – jetzt durch die Frauen, die ja bekanntlich einen ganz anderen Blick haben, selbst wenn er genauso umschleiert ist wie bei manchen Herren. Mittels einer Methode der Trance induziert durch Körpererfahrungen wie sie schon Felicitas Goodman entdeckte, soll frau Kontakt zur Wildnis aufnehmen und schamanisch arbeiten. Ahninnen und Nicht-Menschliche werden verehrt, Tote werden begleitet. Wissen wird durch Diskussionen und Vermutungen erarbeitet. In einer Art reflektiver Natur- und Selbsterfahrung, gewürzt mit psychologisch-soziologischen Interpretationen, sollen Frauen mehr Kontakt zu sich selbst und den anderen Wesen bekommen.
All dies lernen die Frauen mehr oder weniger regelmäßig in einer Gruppe, geführt durch ein oder mehrere „Lehrerinnen“, die dann das notwendige „schamanische“ Wissen vermitteln wollen. Eine Gruppe, in der es bei der Betrachtung schamanischem Arbeitens nur Ausschließlichkeiten gibt, und in der die Lehrerinnen das alleinige Sagen haben. Das nimmt sich dann fast wie eine Sekte aus, in der es nur Drinnen und Draußen gibt. Ein Wir-und-die-Anderen etabliert sich da zwangsläufig und sehr schnell, intellektuelle Ghettobildung inbegriffen. Leider ein zu bekanntes Phänomen aus Teilen der Frauenbewegung.

Dieses Lehren und Lernen von weiblichem Schamanismus findet wie gesagt ohne jeglichen kulturellen oder wissenschaftlichen Hintergrund statt. Aus allen Damen und Herren Ländern wird das übliche, meist mangelhafte Wissen zu Schamanismus aufgetischt, welches dann, sollte es nicht ins feministisch-ideologische Gesamtbild passen, durch die Lehrerin zurecht gebogen werden muss. Wie in einem italienischen Salatmix werden da und dort Ansichten und Methoden zur Erfahrung des „Schamanischen“ verwendet, um „schamanisches Arbeiten“ zu lernen. Ideen und Erfahrungen werden vermittelt, zu oft aus dem akademischen Universum stammend, mit einer leichten Prise feministischer Spiritualität gewürzt. Die Lehrerin, fast könnte eine sie wie in alten Zirkeln Meisterin nennen, autorisiert sich meistens biografischpassend mit Geistererfahrungen, von der Großmutter vererbtem Wissen oder hüllt sich in tiefes Schweigen, was ihre Fähigkeiten anbelangt.
Gelernt wird meist in mehrjährigen Kursen, die von den Lehrerinnen durchgeführt werden.

Im Endeffekt nichts Neues, das gab es schon als Seminare von diversen Instituten oder einzelnen Personen – nur eben nicht ausschließlich nur für Frauen von Frauen.
Sicher ist gegen einen solchen Kurs wie frau nun mit etwas Selbsterfahrung, gemixt mit schamanischem Tralala und Psychologie, mehr zu sich und anderen findet, nichts einzuwenden. Solange dies weder die Frauen finanziell schädigt oder gegen ihre eigenen Interessen oder den eigenen Willen gerichtet ist.
Dass diese Kurse, pseudoprofessionell oft „schamanische Ausbildung“ genannt, nicht und in keinster Weise kostenlos eher sehr kostspielig sind, liegt nicht nur auf der Hand sondern ist von den Kurserfinderinnen so gewünscht und geplant.
Es dient dem notwendigen Broterwerb dieser findigen Frauen, die den Zug der Zeit erkannten und nun geldbringend Feminismus und Selbsterfahrung mit Ethno-Schamanismus verknüpfen. Zudem ja ein Bedarf bei den sehnsüchtigen Frauen, einem großen Klientel, nach einer besseren Zeit vorhanden ist.
Solche Kurse für Frauen gibt es mittlerweile ziemlich oft. In jedem Fall findet frau sie bestimmt an einschlägigen Orten, sprich FZ oder FBL.

Ja, auch der Feminismus, genauer gesagt die feministische Spiritualität hat das Universum der Beutelschneider entdeckt.
Pekunia non olet hieß das wohl noch zu Römers Zeiten.

Wieso ich mich dazu äußere? Weil dieses ominöse „Wildnischule“ auch in die seltsamen Spiri-Kategorien zu Krafttier, Indianer-Schwitzhütte, Kahuna und sonstigem New-Age-Schnickschnack für seelisch ausgeblutete Europäer passt.

Ach so, der Begriff Wildnis. Im Weltbild wirklich schamanisch arbeitender Menschen und Völkern existiert überhaupt kein Begriff zu Wildnis oder Natur. Diese Trennung erfand das europäische Christentum und die wissenschaftliche Denkweise der Aufklärung.

Wildnis-Schule ist auch Unfug, denn Wildnis und Schule (als Art und Ort der Bildung und Erfahrungsvermittlung) verträgt sich nicht. Schule dient dem Einschränkenden, dem Zähmenden. Etwas gezähmt zu betrachten oder etwas zu Betrachtendes zähmen zu wollen, ist unsinnig. Und nur etwas Zahmes erfahren zu wollen oder zu können, hat mehr mit Angst zu tun als mit Wahrnehmung. Zahm sind nur Haustiere und sonstwie durch Macht und Gewalt geknechtete Wesen.
Wildnis und Schule, das ist nun wirklich zu gegensätzlich und unvereinbar.

Aber in der Werbung braucht frau ja sinnlose Begriffe, die rosa-lila einlullen und wiedererkennbar Bekanntes repetieren, sonst wäre das zu Verkaufende ja nichts Wünsch- und Erwerbbares.

Autor: GwenDragon · Kategorie Feminisma · Permalink · Kommentare (0) · Kommentar schreiben

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