Über fast 15 Jahre kannte ich ihn. Zur Wendezeit war er aus der DDR nach Hessen gekommen und arbeitete dort als Angestellter im Lebensmittelgroßhandel. Sein Interesse für Spiritualität und schamanisches Arbeiten, die ähnlichen Lebensansichten, ließen ihn zu einem guten Freund, fast zu einem Bruder werden.
Vor einigen Jahren machte er sich nach einer kleinen Erbschaft als Einzelhändler selbständig und arbeitete nebenberuflich auch als schamanischer Lebensberater. Die Geschäfte liefen einigermaßen gut, Klienten für die Lebensberatung hatte er auch, bis die Rezession kam. Nach über drei Jahren brach sein Umsatz ein, weil im Stadteil einige Geschäfte schlossen und Kunden abwanderten. Eine ziemliche finanzielle Krise, die durch Hilfe von Freunden aber eigentlich hätte gemeistert werden können. Der Kontakt zu mir veringerte sich, aber wir blieben per Telefon und Internet in Kontakt.
Doch seit fast einem ¾ Jahr hatte er sich arg verändert. Ein Gespräch war mit ihm fast nicht mehr möglich, ohne dass ich wirklich wußte, warum. Ich vermutete Probleme im geschäftlichen Bereich, bot ihm Unterstützung an, einen Berater für seine Geschäftskrise zu finden. Aber das sollte nicht der Realität entsprechen, ich irrte mich gewaltig.
Als ich ihn vor Monaten wieder sah, war er distanziert, ausgelaugt. Ich schob das auf seinen beruflichen Stress. Doch auch dort lag ich falsch. Es ging um etwas ganz anderes.
Nach längeren Versuchen von ihm zu erfahren, was mit ihm sei, schon aus Sorge um seine Gesundheit, meinte er schließlich, er hätte gefastet, neue Menschen kennen gelernt. Was ja eigentlich positiv ist, dachte ich. Doch dann erzählte er, dass er im Ramadan die Moschee besucht habe, dort mitgefastet und am Abend gegessen habe. Der Islam interessiere ihn sehr, er lese etwas darüber. Ansonsten wirkte er sehr verschlossen und distanziert – fast wie ein junger Mönch. Ganz verändert und unzugänglich war er.
Nach zwei Stunden Besuch ging er und ließ mich etwas irritiert zurück, denn eine solche monotheistische Buchreligion hatte er früher niemals als erstrebsam angesehen. Schon deswegen, weil er die früher erzwungene DDR-Ideologie, sozusagen als „Religion“, mit ihrem Schrift-Sozialimus nicht für sinnvoll hielt.
Dann hörte ich selbst längere Zeit nichts mehr von ihm.
Gemeinsame Bekannte berichteten mir später, dass er sein Geschäft aufgegeben habe, wohl oft in die Moschee in der nächsten Großstadt gehe. Dort solle er viele moslemische Freunde haben und mit ihnen den Koran lernen, religiöse Unterweisungen entgegen nehmen.
Als sich ihn dann doch einmal telefonisch erreichen konnte, gab er zu verstehen, dass er jetzt Moslem sei und vor Monaten das Bekenntnis zu Allah abgelegt habe. Und er habe jetzt viele Freunde, aus Arabien, der Türkei. Er fühle angekommen zu sein. Und er habe einen Lehrer, einen Sheik, einen Freund, gefunden, aus Saudiarabien, der ihn im Koran unterweise, nach den strengen Regeln und Gesetzen des Islam. Solch einen Freund, der den Mann als wichtig und wertvoll hält, selbst in Geschäften nicht einkauft, in denen Frauen arbeiten, aus Abscheu, eine Unreine zu treffen oder deren verkaufte Ware anfassen zu müssen. Ein Saudi, der den Islam lebt.
Ich war schockiert, wußte aber, das es keinen Sinn hatte, darüber mit ihm wirklich zu reden. Er würde abblocken. Nach dem Telefongesräch hörte ich nichts mehr von ihm. Die Freundschaft war wohl jetzt auf Eis gelegt oder gar aus, vermutete ich. Schade.
Nach und nach wurde mir erst bewußt, was er getan hatte. Einen radikalen Kulturwechsel, in eine radikale Nur-für-Männer-Gesellschaft.
Aber sowas schlägt einer doch arg ins Gesicht.
Erst konvertierte er vom sozialistischen Marx-und-Engels-FDJler zum bundesdeutschen Anpasser.
Dann wurde er Esoteriker, um einen Weg durch sein neues Leben zu finden.
Und schließlich wird er dann zum fundamentalistischen islamischen Eiferer.
Reines Konvertitentum sozialer und religiöser Art.
Mich mag eine intolerant nennen, doch unerträglich ist es eben für mich.
Wenn ein weltoffener spiritueller Freund zu einem islamistischen frauenhassenden Macho wird.
Mittlerweile ist mir klar, dass er mit mir keinen Kontakt mehr haben darf oder will, weil ich als Frau, als Nicht-Muslima, als lesbisch lebende und schamanisch arbeitende Frau, alles eine ziemliche islamische Sünde, unter ihm stehe, unwürdig, unrein bin.
Tschüss, Imran T. aus E. (Name entspricht nicht der Realität) Dein Paradies hast du ja gefunden.
Komm’ nicht wieder. Es hätte keinen Sinn.
„Besser einen guten Feind als einen schlechten Freund“, denke ich mir mittlerweile.

Kommentare
#1 John Galt schrieb am 3.11.2008 12:15 folgendes:
Auch ich beobachte mit Unbehagen, wieviele Menschen in letzter Zeit zu diesem totalitären Glauben wechseln. Oftmals sind es junge. Vielleicht weil sie sich in der heutigen Gesellschaft nach einer Welt mit klaren Regeln sehnen? Früher waren es halt Punks, die die Gesellschaft ablehnten, heute sind es angehende Moslems.
Selbst in seinem Alter würde noch Hoffnung bestehen, auch wenn dies VIEL Arbeit an sich selber bedeuten würde und er überhaupt ein notorischer "Ideologienwechsler" zu sein scheint (nun, aus dem Islam kann er ohnehin nicht mehr so einfach austreten). Immer wieder tragisch. Auf Menschen zu treffen, deren junges Gehirn irgendwann einmal fürs Leben versaut wurde und die von da an ziellos durch die Welt gehen - bis sie jemanden finden, der ihre Angst zu denken geschickt manipuliert und für ihre Zwecke mißbraucht.
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