»Schamanismus« (im weiteren kurz S) ist ein von Wissenschaftlern, genauer gesagt von russischen Ethnologen der vorherigen Jahrhunderte, kreierter Begriff, der dann Eingang in die allgemeine Wissenschaft fand.
Dieser soll Phänomene religiöser, spiritueller, kultureller Art beschreiben, in denen besonders bevorzugte oder ausgewählte Menschen (♀+♂) für die Gemeinschaft fognedes tun: Kontakt zu Geistern und Ahnen halten; Tiere, Pflanzen, Steine, alles, die ganze Umgebung als belebt ansehen; Krankheiten heilen; Rituale durchführen; Tote begleiten; Voraussagen machen und viel mehr. Also alles, was irgendwie auf die westlichen Begriffe Hexe, Medizinmann, Heiler, Zauberer passt.
Unter S wird nach westlicher Manier viel subsumiert: das Leben, Denken und Handeln der südamerikanischen Curandera♀, des lamaistischen Bö♂, des Lakota-Medizinmannes♂, der indischen Kuran♀, des Angakok der Nordpolarvölker, der koreanischen Mudang♀, der altaischen Udagan♀, des ungarischen Táltos♂ – dies alles sieht der aufgeklärte Wissenschaftler unter S an.
In anderen Kulturen außerhalb des westlichen Wissenschaftsdenkens existiert der Begriff nicht. Wozu auch. Etwas kulturell existentes braucht keinen Spezialnamen.
Insoweit S ein Konstrukt, nicht nur sprachlich als auch sozial. Im Grunde genommen soll also etwas unter einem Oberbegriff definiert, erfasst werden, was sich nicht wissenschaftlich fassen lässt und lassen will – und dies nur wohlgemerkt in der westlichen Wissenschaft.
S ist eine ethnologische Schublade, die auch gern öfters für Medizin, Psychologie oder Religionswissenschaften geöffnet wird. Und jede Profession mit ihren Scheuklappen sieht hinein, denkt, meint zu erkennen und fabuliert und schreibt in einem Deutungszwang später drauf los, was denn dieses Phänomen sei und was die Welt davon zu halten habe. Ab ca. 1700 haben sich Generationen von Wissenschaftler schon das Hirn darüber zermartert. Die Beurteilung von S fand und findet sich in einem Spektrum zwischen Gottesglaube, Zauberei und Geisteskrankheit wieder.
Aber die Essenz des Ganzen ist eben nicht zu erklären, selber durch logische Zerteilung nicht.
Um die Erklärung, was denn die moderne, aufgeklärte (trotzdem unwissende) Wissenschaft von S versteht, geht es mir nicht, sondern um die Einschränkung, etwas als Oberbegriff zu sehen, was als solches nur in der Vorstellung der Wissenschaft zu existieren scheint.
Nun stellt sich die weitere Frage, wieso S nun eine Konstriktion ist. Konstriktion – im Sinne von lat. constrictio, also Zusammenziehen, Zusammenschnüren.
Ganz einfach. Die Verwendung einer Begrifflichkeit für etwas schnürt es auf ein Mindestmaß (also auf etwas kleines) ein, reduziert es, angeblich auf das Wesentliche, meist aber auf etwas gut zu dokumentierendes, denkendes. Reduktionistisch nennt man das wohl.
Aber so ist das eben, wenn eben das Erfahren nur in Elfenbeintürmen (heute Bürotürmen) und Experimentallabors der Universitäten stattfindet; selbst Exkursionen in die Wirklichkeit schärfen nur weiter das akademische Denken in Kategorien. Das stärkt zwar den Verstand, lässt aber alles andere verkümmern.
Ich verwende den Begriff Schamanismus nicht, auch wenn er sich so vielen im Hirn festgesetzt hat wie z. B. Krafttier aus dem Bereich auch. Außerdem der Begriff -ismus sowieso einen negativen ideologischen Beigeschmack hat.
Sinnvoller finde ich, einfach Schamanentum zu schreiben. Obwohl der Begriff Schamane auch nicht besonders sinnvoll ist. Aber das ist ein anderes, später zu erörterndes Thema.

Kommentare
#1 marmat schrieb am 28.9.2007 9:28 folgendes:
"Und jede Profession mit ihren Scheuklappen sieht hinein, denkt, meint zu erkennen und fabuliert und schreibt in einem Deutungszwang später drauf los, was denn dieses Phänomen sei und was die Welt davon zu halten habe."
Jain. Ich denke moderne Wissenschaft ist sich ihrer Relativität der Aussagen bewusst. Sie handelt mit Modellen zur Untersuchung von Fragestellungen. Werturteile gehören (meiner Meinung) nach nicht in den Aufgabenbereich von Wissenschaft, sind von ihr auch nicht begründbar. Diese Grenzziehung wird seit dem Ende des 19. Jh. in den Gesellschaft- und Naturwissenschaften diskutiert uns findet sich, anders verpackt, bereits bei Sokrates elenktischer Methode zum Entlarven nichtpropositionalem Wissens.
Also nicht so hart mit den Wissenschaftlern. Wenn deren Problem die Konstruktion einer idealtypischen Stellung des Schamanen in bestimmten Kulturen ist oder ein Vergleich des Schamanismus mit anderer Religionsformen ist dies keine Festlegung von allgemeingültigen Werturteilen. Und Idealtypen (Kulturwissenschaften) selbst dienen im Unterschied zum Modell (Naturwissenschaft) immer zum Vergleich einer individuellen Erscheinung mit einem abstrakten Konstrukt. Also, wenn du von Wissenschaft sprichst, führe bitte keine Typen um 1700 an und werfe sie in einen Topf mit Soziologen oder Ethnologen der Moderne ;)
#2 GwenDragon schrieb am 28.9.2007 11:37 folgendes:
Tach marmat, schaust auch mal vorbei.
Du schriebst: "Also, wenn du von Wissenschaft sprichst, führe bitte keine Typen um 1700 an und werfe sie in einen Topf mit Soziologen oder Ethnologen der Moderne ;)"
Das war auch von mir missverständlich ausgedrückt. Ab und an fehlt eine weitere Erklärung im Blog, ja. Es gibt sicherlich heute genügend moderne Ethnologen, die nicht mehr mit dem vorurteilsbehafteten Skalpell eine Kultur ausschneiden, um deren Inhalte zu ergründen. Als positive Beispiele wären da Findeisen, Storl (ja, er ist auch Ethnologe) zu nennen.
Ich hatte letzthin erst einen Zwist mit ein paar Sozialwissenschaftlern, die in selbstherrlicher Manier meinten, schamanende Kulturen als rückständig erklären zu müssen oder nach ihrem Belieben umzudeuten. Deswegen war der Artikel etwas aufgeladen davon.
#3 marmat schrieb am 28.9.2007 14:47 folgendes:
Och, lass mich raten. Schamanismus steht in deren religionssoziologischer Stufenleiter der Rationaliserung ganz am Anfang. Die sollten sich mal protestantische Biographien des 19. Jh. durchlesen: grauenvoll geplagte, sich selbst geiselnde Kreaturen - tolle Weiterentwicklung. Nur dumme Soziologen würden daraus irgendeinen Wert für die Einzelperson ableiten. Kluge stellen sich hin und beobachten oder gestehen einfach: kein Interesse.
Was war los, kein Feuer parat gehabt? Es geht doch nichts über eine Demontration "primitiver" Fähigkeiten ;)
#4 marmat schrieb am 28.9.2007 14:58 folgendes:
"...mit dem vorurteilsbehafteten Skalpell eine Kultur ausschneiden, um deren Inhalte zu ergründen..."
Ich weiß, du meinst es anders, nur: das ist und bleibt Realität. Um das Skalpell kommt auch der ethnologe nicht herum und vorurteilsbehaftet ist jeder, sonst hätte der Ethnologe kein Interesse. Er muss sich der Situation nur klar sein und trennen zwischen Methode und Vorurteil. Die vielleicht für dich wichtige Frage könnte vielleicht sein: Wat schert's die Kultur, wenn der Ethnologe sich kratzt.
#5 GwenDragon schrieb am 28.9.2007 15:14 folgendes:
"Die vielleicht für dich wichtige Frage könnte vielleicht sein: Wat schert's die Kultur, wenn der Ethnologe sich kratzt."
Da lacht die Udagan, wenn der Herr Ethnologe kommt. Da wird dann für ihn Theater gespielt. Und er kann dan wieder nach Hause gehen und hochwissenschaflich berichten, was Schamanismus ist - jetzt hätt' ich doch beinahe Schmarrismus; typisch in Bayern lebend, geschrieben. Ansonsten, heute ist es ja nicht mehr gefährlich, wie zu Stalins Zeiten zu schmanen, interessiert es diese wenig, was Herr Ethnologe denkt. Und das ist gut so. Denn die Wissenschaftler haben andere Geister, von denen sie beseelt sind ;)
#6 GwenDragon schrieb am 28.9.2007 15:06 folgendes:
Hallo marmat,
Ich sehe, dass wir da auf einer Linie sind.
Aber manch staubige Denker ziehe ich wohl als Wesenheit an.
Mit manchen Damen oder Herren Akademikern mag die Drachin nicht streiten, das wäre Energieverschwendung und zuviel Ehre für diese. Und Feuer? Wozu? Diese haben doch ihre eigene Hölle kreiert, in der sie schmoren können. Sollen sie; nur nicht intellektueller Verdammnis drohen, das mag ich nicht.
#7 Oswald schrieb am 24.10.2007 22:05 folgendes:
Hi!
Einig sind wir uns, dass die wissenschaftliche Fassbarkeit mancher Realitäten nur teilweise gegeben ist und das gilt ganz besonders für schamanische Phänomene.
Uneinig sind wir uns darüber, dass Oberbegriffe beschränkend sein müssen. Ich weiss sehr wohl dass unter dem Oberbegriff 'Auto' sehr unterschiedliche Fahrzeuge von unterschiedlichen Herstellern für unterschiedliche Verwendungszwecke in allen denkbaren Farben vorkommen. Es ist einfach praktisch, dem oberflächlich Interessierten 'Schamanismus' zu sagen, ohne detailreiche Erklärungen was denn nun genau, was ja ohnehin nur verwirren würde.
Auch stimme ich zu, dass die Verwendung einer Begrifflichkeit einengend ist und der Realität nicht voll gerecht wird. Allerdings wären wir ohne dem sehr 'Sprach-los', denn jedes einzelne Wort ist eine Begrifflichkeit.
Herzlich!
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